Mittwoch(t): Keine Gnade

Wer in den Neunzigern in der NBA die Meisterschaft gewinnen wollte, musste erst an Michael Jordan vorbei. Umso tragischer, dass in den Jahren 1994 und 1995, während MJ seine kleine Baseball-Auszeit nahm, mit den Houston Rockets ausgerechnet ein Team aus der Western Conference die Larry O-Brien-Trophäe nach oben recken durfte. Nicht die Pacers. Nicht die jungen Wilden aus Orlando. Und auch nicht die in der Wendy City so verhassten New York Knicks.

Apropos: Knicks. Unter der Ägide von Pat Riley waren die Jungs aus dem Big Apple nie darum verlegen, den Bulls bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu zeigen, dass sie sich keine Schwäche leisten durften. New York war immer da, immer bereit, um jede kleine Schwäche Chicagos zu bestrafen.

So geschehen am 10. März 1996, als die Knickerbockers im legendären Madison Square Garden mit 104:72 über die Bullen hinwegfegen. Zwar legt Jordan 32 Punkte auf, leistet sich allerdings auch sieben Ballverluste und kommt gemeinsam mit Scottie Pippen auf so viele Turnover wie New York als gesamtes Team (11). „Das war heute nicht einfach eine Niederlage“, wird der Größte aller Zeiten anschließend von der Presse zitiert. „Selbst als das Spiel schon durch war, sind sie uns weiter an die Kehle gegangen und haben keine Gnade gezeigt.“

Es ist genau dieser Killerinstinkt, der ab Mai gebraucht wird. Im Phoenix-Büro steht seit geraumer Zeit an einer Tafel: „We’re not f***ing done yet!“ Der Spruch wird erst weggewischt, wenn zweimal drei Playoff-Spiele gewonnen wurden. Egal gegen wen. Egal unter welchen Umständen. Egal ob daheim oder auswärts.

Ob mit 32 Zählern Differenz und völlig verdient oder dreckig und unverdient mit einem schmalen Pünktchen Vorsprung. Ein Sieg ist ein Sieg, und schlussendlich wird niemand danach fragen, wie dieser zustande gekommen ist. Es kann, es wird sicherlich auch Rückschläge geben. Damit muss gerechnet werden. Die Frage, die jeder für sich im Umgang damit wird beantworten müssen: Was macht das mit dir?

Im Office und in der Mannschaftskabine wird das niemanden komplett aus der Bahn werfen. Playoffs bedeuten, keine Gnade zu zeigen. Bedeuten Nachtschichten am Taktikbrett und vor dem Rechner. Bedeuten die über Monate eingeschliffenen Routinen abzurufen, wie groß die Erschöpfung auch sein mag. Bedeuten dem Gegner jeden Tag, jede Stunde, jede Minute wissen zu lassen, dass er über sich hinauswachsen muss, um Phoenix aus dem Weg zu räumen. Bedeuten dem privaten Umfeld zu vermitteln, dass dieser Ausnahmezustand endlich ist. Bedeuten alles hinten anzustellen, was davon ablenkt, ans absolute Maximum gehen zu können. In dem Wissen, dass eine vor fünf Sommern formulierte Vision nun Realität werden kann.

Lasst sie kommen … denn sie wissen nicht, mit wem sie sich anlegen.

Mittwoch(t)

Es gibt so viele Geschichten rund um Phoenix Hagen. Geschichten, die erzählt werden wollen. Die einen etwas anderen Einblick in den Club und die internen (Denk-)Prozesse geben. Aus dem Arbeitstitel „Mittwochs-Meinung“ entwickelte sich der „Statement Wednesday“ oder auch das „Wort zum Mittwoch“, und letztlich der Begriff „Mittwoch(t)“. Es ist der etwas andere Angang an Themen, welche das Phoenix-Office umtreiben.