Mittwoch(t): Der Baum ist auch ein Statement

Wochenlang gibt es kein anderes Thema. Pläne werden geschmiedet. Routen festgelegt. Abgeklärt, wer einen Transporter oder zumindest Kombi besorgen kann. Und Seile. Alternativ gehen auch Kabelbinder – mit denen geht das eh alles viel schneller. Dazu ein Kasten Bier, ein Sixpack Wasser und Fanta für den Fahrer. Essbares wird irgendwann zwischendurch bei der Gaststätte zum güldenen M eingeworfen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es wird die Startzeit festgelegt, wer wen vorher einsammelt, und bis wann alles über die Bühne sein soll.

Wenn soweit alles geklärt ist, will noch die Umgebung gescoutet werden. So viel ist von der Lage des Objekts und der Beschaffenheit der Fassade abhängig. Wie weit ist es bis zum Wald? Taugen die Straßen was? Wie hoch ist die Chance, beim Transport vom Freund und Helfer erwischt zu werden? Und lässt sich darauf vertrauen, dass eine ordentliche Ladungssicherung in dieser Nacht ausreicht, um nett durchgewinkt zu werden?

Es gibt viel zu bedenken und zu berücksichtigen. Vieles, das schief laufen kann. Und immer schwingt die Angst mit, dass sich dieser eine längst in den Norden abgesetzte Kumpel, mit dem du in der Jugend zusammen gespielt hast, kurzfristig meldet. Dass er ein Mädel kennengelernt hat und da jetzt unbedingt tätig werden muss. Guter Typ, aber leider kein gutes Händchen bei seinen Auserwählten. Das war schon immer so. Jahr für Jahr mag alles noch so rund gelaufen sein, doch bei ihm gab es immer Hindernisse oder Unwägbarkeiten zu überwinden.

So auch diesmal. Irgendwer geht in einem unbedarften Moment ans Telefon. Und weil Freunde nunmal Freunde sind, wird ihm wieder mal geholfen. Das machen Kerle so. Er versichert hoch und heilig, dass diesmal alles sauber läuft. Sie ist total in ihn verschossen, das Elternhaus liegt direkt an der Straße, die durch ein Waldstück führt. Und genau da, maximal einen Kilometer entfernt, stehen haufenweise Birken, die nur darauf warten geschlagen zu werden.

Die Mainacht kommt. Alles läuft wie am Schnürchen. Bis es darum geht, für den Baum des besagten Kumpels zu fällen. Ob er vergessen hatte zu erwähnen, dass der Hain hinter einem Morast liegt, der durchwatet werden muss? Geschenkt, aber es hätte allen Beteiligten ein Zeichen sein müssen. Der Baum: Ein wahres Prachtstück von Birke. Gerade gewachsen, keine unnötigen Verästelungen, und die Krone üppig. Also runter mit dem guten Stück, ab auf die Schulter, durch den Sumpf zurück an die Straße und ab zum Ziel.

Vor Ort kurze Lagebesprechung, wo genau der Baum hingestellt, angelehnt und befestigt wird. Ein Dutzend Jungs, die mitten in der Nacht im Laternenschein darüber diskutieren, wie das satte Grün am besten zur Geltung kommt. Da geht die Tür auf. „Da steht Britney Spears“, entfährt en einem. In der Tat. Die frühen Zweitausender haben am blonden Haupthaar der Angehimmelten ihre modischen Spuren hinterlassen. Und sie? Sieht den auf der Straße liegenden Baum und eine Horde Typen. „Das ist ja nett, aber ich möchte gar keinen Baum!“, entfährt ihr, ehe sie nach innen hastet und die Tür hinter sich schließt.

Allgemeine Verwirrung. Kurze Ernüchterung. Ein strafender Blick zum Kumpel. Total in ihn verschossen, is’ klar. Er ist dafür, die Birke auf dem naheliegenden Parkplatz zu entsorgen. Das ist aber keine Option. Sie mag zwar nur ihm das Herz gebrochen haben, aber die gesamte Truppe hart abblitzen lassen. Ab sofort ist es etwas persönliches. Jetzt erst recht, Fräulein. Ein Schluck aus der Pulle, einmal tief durchatmen, dann wird zu Werke gegangen. Das Ding wird aufgestellt, ob sie will oder nicht. Soll sie doch zusehen, wie sie das Prunkstück am Ende des Monats wieder weg bekommt.

Ein Maibaum ist auch immer ein Statement. Eine Ansage, ungeachtet der äußeren Umstände oder was andere davon halten. Es geht darum, der eigenen Überzeugung klar Ausdruck zu verleihen. Individuelle Haltung, getragen von der Gruppe. Hier wird ein Zeichen gesetzt, dass weithin sichtbar ist und beim Betrachter für anerkennendes Nasenrümpfen sorgt.

Wie eine Mannschaft, die in fremder Halle mit purer, unerschütterlicher Selbstsicherheit auftritt und das gegnerische Terrain für sich beansprucht. Völlig egal, ob Britney das nun gut findet oder nicht.

Mittwoch(t)

Es gibt so viele Geschichten rund um Phoenix Hagen. Geschichten, die erzählt werden wollen. Die einen etwas anderen Einblick in den Club und die internen (Denk-)Prozesse geben. Aus dem Arbeitstitel „Mittwochs-Meinung“ entwickelte sich der „Statement Wednesday“ oder auch das „Wort zum Mittwoch“, und letztlich der Begriff „Mittwoch(t)“. Es ist der etwas andere Angang an Themen, welche das Phoenix-Office umtreiben.